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Beorn

Von Norman Liebold geschrieben am: 20.04.2010 unter Beorn

Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Arbeitsplatz während der Niederschrift von "Versichert". Foto: Norman Liebold.Arbeitsplatz während der Niederschrift von "Versichert". Foto: Norman Liebold.
Arbeitsplatz während der Niederschrift von "Versichert". Foto: Norman Liebold.
Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Norman Liebold bei der Niederschrift von "Versichert".
Notizbücher für Ansichten eines Aktmodells. Foto: Norman Liebold, 29.10.2009Notizbücher für Ansichten eines Aktmodells. Foto: Norman Liebold, 29.10.2009
Notizbücher für Ansichten eines Aktmodells. Foto: Norman Liebold, 29.10.2009
Norman Liebold direkt nach dem Vollenden des letzten Satzen von "Versichert" - 15.04.2010.Norman Liebold direkt nach dem Vollenden des letzten Satzen von "Versichert" – 15.04.2010.
Norman Liebold direkt nach dem Vollenden des letzten Satzen von "Versichert" – 15.04.2010.

Die erste Skizze von “Versichert” notierte ich am 10. Februar 2009 in mein Tagebuch. Die Skizze ist bereits fest umrissen und enthält alle wesentlichen Elemente der Geschichte, das Setting und die Höhepunkte. Nur über das Ausgestalten des Endes sind mehrere Möglichkeiten festgehalten. Bis zum Beginn der Niederschrift am 03. April 2010 notierte ich immer wieder Überlegungen in Bezug auf den Stil, die Personen und insbesondere das Dilemma des Endes. Die letzten entscheidenden Puzzlestücke kommen Schlag auf Schlag, nachdem ich im Februar 2010 eine fast absurd parallele Situation erlebte, wie sie ein Jahr zuvor die Grundidee zur Geschichte schuf. Ich lerne Maxim Spektor, Landi “Graywolf” Landefeld und den Bildhauer und Lichtkünstler Michael Frank kennen, die genau jene Eigenschaften besitzen, die der Figur des Beorn den letzten Schliff geben. Die Niederschrift geht schnell: Vom 03. bis zum 15. April 2010 schreibe ich die Story von Hand auf 98 Manuscriptseiten, übertrage sie am 16. und 17. April in den Rechner und trage sie auf der Premierenlesung am 17. April in den “Vier Raben” (Köln) gemeinsam mit dem Gitarristen und Liedermacher Bernd Gast vor.


Schauen Sie in Norman Liebolds Schreibwerkstatt und lesen Sie die Werkstattberichte in seinem “LieBLOG”: Werkstattberichte zu “Beorn” lesen >>>!


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Navigator – 2. Die Dystopie – SiFi oder Realität?

Von Norman Liebold geschrieben am: 17.05.2009 unter Navigator

Inhalt


Implantierter RFID-Chip. Quelle: Wikimedia Commons.Implantierter RFID-Chip. Quelle: Wikimedia Commons.
Implantierter RFID-Chip. Quelle: Wikimedia Commons.
RFID-Implantat, heuter Stand der Technik. Quelle. Wikimedia Commons.RFID-Implantat, heuter Stand der Technik. Quelle. Wikimedia Commons.
RFID-Implantat, heuter Stand der Technik. Quelle. Wikimedia Commons.
Drohne, wie sie von der britischen sächsischen Polizei eingesetzt wird. Quelle: Wikimedia CommonsDrohne, wie sie von der britischen sächsischen Polizei eingesetzt wird. Quelle: Wikimedia Commons
Drohne, wie sie von der britischen sächsischen Polizei eingesetzt wird. Quelle: Wikimedia Commons
iPhone mit Karten und Navigationssysteme.iPhone mit Karten und Navigationssysteme.
iPhone mit Karten und Navigationssysteme.
Kamerabestückte, nahezu lautlose Überwachungsdrohne, wie sie in LA/USA eingesetzt wird.Kamerabestückte, nahezu lautlose Überwachungsdrohne, wie sie in LA/USA eingesetzt wird.
Kamerabestückte, nahezu lautlose Überwachungsdrohne, wie sie in LA/USA eingesetzt wird.
Polizei-Drohne, wie sie in England und Sachsen eingesetzt wird.Polizei-Drohne, wie sie in England und Sachsen eingesetzt wird.
Polizei-Drohne, wie sie in England und Sachsen eingesetzt wird.
eBook-Reader von Sony.eBook-Reader von Sony.
eBook-Reader von Sony.

Technologische Aspekte

„Navigator” ist kein Weltraummärchen, das seinen Reiz auf der einen Seite aus althergebrachten Erzählmustern und auf der anderen aus der Beschreibung wundervoller oder beängstigender Technologien bezieht, wie es sie in fünfzig, hundert oder tausend Jahren geben mag. Und auch keine als Sience-Fiction verkleidete Fantasy-Geschichte. Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, auch nur ansatzweise dergleichen Momente zu bedienen und damit in Kauf genommen, dass die Geschichte vielleicht für manche nicht unterhaltsam genug sein könnte – es gibt keine Liebesgeschichte, kein Ringen zweier gegensätzlicher Parteien, kein kriminalistisches Rätsel, kein Sex, kein Crime.

Ich bin, was die Faszination für Zukunfts-Technologie angeht, sogar noch weiter gegangen als Bradbury, Orwell oder Huxley: Während diese drei Autoren in ihren Dystopien Technologien beschreiben und essentiell für die Handlung machen – so Huxley die Züchtungsverfahren, Orwell die für seine Zeit noch unmöglichen Überwachungstechnologien oder Bradbury die Kriegs- und Unterhaltungsmaschinerie – habe ich in „Navigator” ausschließlich Technologie verwandt, wie sie heute bereits existiert. Es hat mich diesbezüglich bei den Lesungen und Leserbriefen durchaus in Erstaunen versetzt, dass etliche der von mir beschriebenen Geräte nicht nur sehr futuristisch wirkten, sondern dass ihre Umsetzbarkeit sogar in den Bereich weiter Ferne gerückt wurde. Aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle einige dieser Dinge erläutern.

  • Googlezon(e). Die Entwicklung, die ich für in ca. 35 Jahren als gegeben voraussetze, nämlich ein weitestgehend umgesetztes Monopol für Gebrauchsgüter jeglicher Art, bei dem sowohl Google wie Amazon stark beteiligt sein dürften, entstammt nicht meiner eigenen Erfindung. In dem Kurzfilm „EPIC” von Robin Sloan und Matt Thompson, der im Jahre 2004 herauskam, wird sie detailiert dargestellt. Ich fand den Kurzfilm sehr überzeugend, weshalb ich seine Prognose in der Welt von „Navigator” als eingetroffen zeige. (Epic ansehen!)
  • eBook-Reader. Die Tendenz zum eBook, das das gedruckte Buch ablösen soll, wächst im Moment sehr stark. Verlage bekommen von den entsprechenden Firmen Zuschriften, ihre Bücher digital zur Verfügung zu stellen. Der von mir geschilderte eBook-Reader entspricht dem Digital Ebook Reader PRS 505 von Sony. Trotzdem ich grundsätzlich die Idee des Ebook-Readers als sehr interessant betrachte, sehe ich doch auch die Gefahr darin – nämlich den Verlust zitabler Literatur, die sich selbst gleich bleibt. In einer Welt, in der die Bücher nur noch digital – und, wie in „Navigator” – auf zentralen Servern gehostet sind, wird ohne Aufwand möglich, was Orwell eindringlich in 1984 beschreibt. Während in seiner Vision alle gedruckten Dinge eingezogen, vernichtet und durch die revidierten Fassungen ersetzt werden müssen, um die Vergangenheit nach Gutdünken zu manipulieren, wäre nunmehr lediglich das Abspeichern der revidierten Fassung an zentraler Stelle notwendig.
  • Kevins Appartment. Die Beschreibung von Kevin vollautomatisierter Behausung muss nicht weiter erläutert werden. Die meisten Dinge gibt es bereits seit den Achtzigern, das Chat- und Skype-Verhalten ist bereits bei einigen meiner Bekannten gang und gäbe. Der einzige Unterschied mag vielleicht sein, dass die Geräte bei Kevin – ähnlich wie bei Winston in 1984 – nicht ausgeschaltet werden können. Dass der Computer Sandra eigenständig den Wagen aus der Garage holt, klingt halbwegs futuristisch, ist aber bereits umgesetzt worden.
  • Das Navigationssystem. Das serienmäßige Einbauen der Navigationssysteme geschieht mittlerweile bei einigen Automarken und wird in den nächsten Jahren mit einiger Wahrscheinlichkeit zum Standart werden. Das Einspiegeln in die Windschutzscheibe wird in anderen Kontexten bereits seit Jahren praktiziert. Die einzige wesentliche Veränderung im Vergleich zu heute ist, dass das Gerät nicht ausgeschaltet werden kann. Wobei ich interessiert beobachtend feststelle, dass viele Autofahrer, die ich kenne, das ganz von selbst erledigen: Sobald sie starten, schalten sie das Ding ein.
  • Autopilot. Trotzdem die Technologie noch nicht marktreif ist, wird mit einigem Erfolg an ihr geforscht. Ein internationaler, hochdotierter Wettbewerb für autonom agierende Landfahrzeuge ist der DARPA Grand Challange. Die Fahrzeuge fahren vollständig computergesteuert in „normalen” Fahrsituationen einschließlich Vorfahrtregeln. Das Einsetzen von Autopiloten auf Autobahnen ist länger im Gespräch, um den Verkehrsfluss besser regulieren zu können und ist bereits testweise im Einsatz. Hier geht es allerdings lediglich um Spurhalten und das Einhalten der Abstände zum Vorderfahrzeug.
  • Navigations- und Informationssysteme auf Handys. Ende April war ich selbst überrascht, wie weit man hier mittlerweile ist. Ich war, als ich „Navigator” schrieb, noch von einem anderen Stand der Technologie ausgegangen. Mir wurden, als ich ein neues Handy brauchte, Geräte nahegelegt, die faktisch alle Möglichkeiten in dem Umfang besaßen, wie sie im „Navigator” beschrieb – oder sogar darüber hinaus gingen. Das Gerät, das Diogenes im Sechsten Kapitel aus seiner Truhe holt, um Kevin den alten ADAC-Atlas mit den digitalen Karten vergleichen zu lassen, entspricht von seiner technischen Entwicklung her einem iPhone. (Siehe http://www.apple.com/de/iphone/features/maps.html)
  • Die Überwachungsdrohnen. Bereits am 17.06.2006 berichtete der Spiegel über entsprechende Geräte, die erfolgreich in Los Angeles getestet wurden. Sie sind heute regulär im Einsatz.
  • RFID-Chips in Ausweisen und als Implantate. Seit dem 01.11.2005 enthält der Deutsche Reisepass (ePass) einen RFID-Chip, der neben Vornamen, Familienname, ausstellender Staat, Passnummer, Geschlecht, Geburtsdatum und Ablaufdatum des Passes auch ein biometrisch verwertbares Lichtbild und seit November 2007 Fingerabdrücke enthält. Am 18.12.2008 wurde vom Bundestag verabschiedet, dass ab 01.11.2010 der bisherige Personalausweis durch den elektronischen Personalausweis (ePa) abgelöst wird, also RFID flächendeckend als Identifikationsmittel für die deutsche Bevölkerung eingesetzt wird. Die Zulassung der Technologie für RFID-Implantate erfolgte 2002, in Krankenhäusern und auf eigenes Verlangen werden seit 2006 RFID-Chips der Marke VerChip implantiert. Angesichts verschiedener jüngst im Zuge der Terrorangst verabschiedeter Gesetze ist es eher wahrscheinlich als nur möglich, dass in den nächsten 30 Jahren ein solches Implantat zum Passersatz wird. Bei Haustieren wird dies übrigens bereits praktiziert.

Soziologische Aspekte

Unsere Wirtschaft versucht, die Produktion immer effizienter zu gestalten, um einigen wenigen eine immer größere Gewinnmarge zu verschaffen. Sie ist nicht darauf ausgerichtet, den größtmöglichen Wohlstand für die größtmögliche Menge zu erreichen. Dass dieses System auf Dauer nicht funktionieren kann, ist bekannt. Sei es aufgrund des Raubbaus an Natur und Ressourcen, sei es, weil der Markt nicht unendlich expandieren kann, sei es, weil die Technik darauf ausgerichtet wird, mit immer weniger Menschen immer mehr Waren produzieren zu können. Wirtschaftskrisen  zeigen deutlich, dass dieser auf beständigen Wachstum eingenordete Wahnsinn zwangsläufig darauf hinaus läuft, dass es eine Unzahl an Arbeitslosen gibt, von Maschinen überflüssig gemacht. Würde man damit ähnlich umgehen, wie es Thomas Morus schon 1516 formulierte und Etliche nach ihm immer wieder empfahlen – nämlich die so gewonnenen Güter gleichmäßig zu verteilen und die auf diese Weise frei gewordene Zeit der einzelnen zur Bildung und Kultivierung des Menschen zu verwenden – eine wundervolle Sache. Allerdings gilt heute noch im selben Maße, was Friedrich Engels im 19. Jahrhundert formulierte, nur in noch verstärkterem Maße.

Diese unermeßliche Produktionsfähigkeit [sc. der Menschheit], mit Bewußtsein und im Interesse aller gehandhabt, würde die der Menschheit zufallende Arbeit bald auf ein Minimum verringern; der Konkurrenz überlassen, tut sie dasselbe, aber innerhalb des Gegensatzes. Ein Teil des Landes wird aufs beste kultiviert, während ein andrer – in Großbritannien und Irland 30 Millionen Acres gutes Land – wüst daliegt. Ein Teil des Kapitals zirkuliert mit ungeheurer Schnelligkeit, ein andrer liegt tot im Kasten. Ein Teil der Arbeiter arbeitet vierzehn, sechzehn Stunden des Tages, während ein anderer faul und untätig dasteht und verhungert.1

Im Moment werden auf der Basis der „sozialen Marktwirtschaft” gewisse Teile der Gewinnmargen so umverteilt, dass diejenigen notdürftig versorgt werden, die ansonsten verhungern müßten. In Deutschland mit seine relativ niedrigen Arbeitslosenzahl schätzungsweise 4 Millionen Erwachsene. Würde das nicht getan, hätte man ein erhebliches Potential an genügend unzufriedenen Menschen, die nichts zu verlieren hätten, um eine Revolution unausweichlich zu machen. Die ersten Schritte, diese ungeheure Anzahl von Menschen (man muss noch die von ihnen anhängige Anzahl an „nicht Erwerbsfähigen” hinzuzählen) zu verschleiern, werden aktuell bereits getätigt. „Nicht Vermittelbare” werden, z.B., ebenso aus den Statistiken heraus genommen wie die in „Arbeitsgelegenheiten” beschäftigten.  Es liegt im Interesse von Aktionären und Produktionsmittel-Besitzern, die aktuellen Strukturen aufrecht zu erhalten, gleichgültig, wieviele Menschen dadurch verelenden, denn nur sie gewährt die Umverteilung der Güter in der haarsträubenden Weise, wie wir sie heute beobachten können.  Ich gehe nicht davon aus, dass sich die Welt wie im „Navigator” entwickeln wird, aber sollten sich die Bedingungen nicht grundlegend ändern, stellt sich früher oder später die Notwendigkeit ein, das tatsächliche Ausmaß der Arbeitslosigkeit zu verbergen, um „weitermachen” zu können.

  1. Engels, Friedrich: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie. In: Karl Marx, Friedrich Engels: Werke. Hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. 1-43, Berlin: Dietz-Verlag, 1956 ff. Band 1, S. 499-524-. S. 517 []


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Navigator – 1. Geschichtenfindung

Von Norman Liebold geschrieben am: 17.05.2009 unter Navigator

Inhalt


Leipzig Gohlis. Photo: Norman LIebold, 2005.Leipzig Gohlis. Photo: Norman LIebold, 2005.
Leipzig Gohlis. Photo: Norman LIebold, 2005.
Leipzig, altes Fabrikgelände. Foto: Norman Liebold, 2005Leipzig, altes Fabrikgelände. Foto: Norman Liebold, 2005
Leipzig, altes Fabrikgelände. Foto: Norman Liebold, 2005
Leipzig, altes Fabrikgelände. Photo: Norman Liebold, 2005Leipzig, altes Fabrikgelände. Photo: Norman Liebold, 2005
Leipzig, altes Fabrikgelände. Photo: Norman Liebold, 2005
Leipzig. Photo: Norman Liebold, 2005Leipzig. Photo: Norman Liebold, 2005
Leipzig. Photo: Norman Liebold, 2005
Leipzig, Photo: Norman LIebold, 2005Leipzig, Photo: Norman LIebold, 2005
Leipzig, Photo: Norman LIebold, 2005
Häuserfront im “Todesgürtel” von Leipzig. Foto: Norman Liebold, 2004Häuserfront im “Todesgürtel” von Leipzig. Foto: Norman Liebold, 2004
Häuserfront im “Todesgürtel” von Leipzig. Foto: Norman Liebold, 2004
Diogenes in der Tonne.Diogenes in der Tonne.
Diogenes in der Tonne.

Der Moment, an dem ich mich entschloss, den „Navigator” nieder zu schreiben, kann ich ziemlich genau festmachen – der 17. Mai 2008.
Ich war zu Besuch in Leipzig, hatte einige Dokumente auszudrucken, aber keinen Drucker zur Hand und machte mich auf die Suche nach einem Copyshop. Mit dem Fahrrad ist solch eine Suche meistens wesentlich praktischer als mit dem Wagen, und so radelte ich gen Leipzig Zentrum. Und gelangte in die Gegend, die Pate stand für das aus der Realität geschnittene Viertel in der Geschichte. Leipzigs Stadtkern ist saniert und blitzt sauber den Messetouristen entgegen. Die grüne Villenviertel am Stadtrand sind fest in der Hand von Münchner Immobilienriesen und sind ebenfalls grundsaniert eine Augenweide. Dazwischen aber befindet sich ein Bereich, den ich gerne den „Todesgürtel” nenne. Häuserruinen, mit Brettern vernagelte Fenster und Türen, abbröckelnder Putz und Straßen, die mehr aus Löchern denn aus Asphalt bestehen. Die hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt und die Harz-IV-Gesetze haben zur Folge, dass sich hier diejenigen sammeln, die am Existenzminimum leben. Es ist schwer zu beschreiben, was mit mir geschah, während ich mich im „Todesgürtel” verirrte. Die Menschen, die Gebäude und das ganze Umfeld strahlten eine Hoffnungslosigkeit, eine dumpfe Verzweiflung aus, gegen die ich mich nicht wehren konnte, und die mich bald selbst erfüllte – und die ich nur schwer aus mir vertreiben konnte. Die Vorstellung, hier dauerhaft zu leben, war ein Alptraumszenario, das mich zutiefst berührte und zu einem der Hauptinspirationen wurde, mich der Ausarbeitung der Geschichte zu widmen.

Ein anderer Moment, der die Geschichte befruchtete, war eine Autofahrt im Januar 2008, als ich mit einem Freund zu einem Seminar in den Ruhrpott fuhr. Und wir, trotzdem scheinbar alle Angaben, die uns das Navigationsgerät gab, durchaus zu stimmen schienen – immerhin ließ es uns nicht in Gräben und Sackgassen manövrieren – gänzlich woanders heraus kamen. Statt an einer kleinen, alten Burg in irgendeiner neu gebauten Siedlung 30 Kilometer weiter. Ich selbst hatte wenig Erfahrungen mit diesen Geräten, ich lehne sie aus ähnlichen Gründen ab, aus dem ich kein Automatik-Getriebe haben wollte oder anderen technischen Schnickschnack, der mir augenscheinlich Arbeit abnimmt, mich aber bei genauerem Hinsehen um wichtige Kompetenzen bringt. Als ich dann begann, herum zu fragen, stellte sich heraus, dass diese Erfahrung keine Besonderheit ist. Weitaus interessanter fand ich jedoch die Beobachtung in meiner Eigenschaft als fleißiger Mitnehmer von Mitfahrern. Menschen, die Strecken dutzendfach mit Navigationsgerät gefahren waren, sahen sich außerstande, mich in ihrer Heimatstadt so zu lotsen, dass ich sie – freundlich wie ich bin – vor ihrer Haustür absetzen konnte. Ich beobachte auch zunehmend, dass sich mehr und mehr Leute auf solche Dinge wie Googlemaps zu verlassen scheinen, um sich davon sogar die „perfekte” Route aussuchen zu lassen. Die Frage drängte sich geradezu auf, was geschehen würde, wenn Karten nur mehr in digitaler Form vorlägen. Und man sie – aus welchen Gründen auch immer – manipulierte. Im Falle von militärischen Objekten wird dies selbstverständlich getan. Wenn allerdings der relevante Teil der Bevölkerung diese Karten und die Navigationsgeräte als ausschließlichen Realitätsabgleich haben, liegt es in der Hand derer, die diese Karten kontrollieren, die Wirklichkeit der Menschen zu gestalten. Die damit einhergehende Macht wäre größer als die der Kirche im Mittelalter, denn die Menschen glauben, dass alles gänzlich transparent ist und suchen noch nicht einmal mehr nach Alternativen.

Bereits für „Dichterbrand” (erschienen Januar 2008) und „Krimifrass” (erschienen Oktober 2008) recherchierte ich im Bereich der Arbeitslosigkeit, der sozialen Gerechtigkeit und der sogenannten „1-Euro-Jobs”. Die Tatsachen empfand ich als zutiefst erschreckend, verfolgte die aktuelle Entwicklung und musste mir immer wieder die Frage stellen, was die Regierung mit solchen Reformen beabsichtige, da die Folgen auf der Hand liegen. Der Missbrauch dieser Arbeitskräfte wurde an vielen Stellen publik und zeigte die Möglichkeit eines – harmlos formuliert – „neuen Billiglohnsektors”, oder – hart Formuliert – eines neuen Sklavenstandes, der zusätzlich noch zur Schönung der Arbeitslosenzahlen dient. Der Wahnsinn und die Idiotie unseres Wirtschaftssystems, das immer mehr entmenscht, ließ die im „Navigator” beschriebene Vision schon fast in den Bereich des Wahrscheinlichen rücken. Letztlich existieren dergleichen Zustände schon zum Teil, und das existierende ist in der Novelle lediglich weitergedacht worden.

Aus diesen sehr realen und sehr aktuellen Thematiken eine Dystopie zu machen, lag in der Thematik selbst. Zum einen, weil eine realistische Darstellung des Jetztzustandes die Gefahr der Polemisierung in sich barg, zum anderen aber, weil die Versetzung in eine nicht allzu ferne Zukunft nicht nur die Freiheit der Überzeichnung bietet, sondern darüber hinaus auch erlaubte, eine Reihe weiterer, verwandter Thematiken mit einzubringen – insbesondere die gesteigerte Technikabhängigkeit, wie sie für die nähere Zukunft zu erwarten ist.



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Gläserner Sarg – 2. Direkt zitierte Quellen

Von Norman Liebold geschrieben am: 17.05.2008 unter Gläserner Sarg, Hintergründe

  • Gläserner Sarg – 1. Inspiration und grundlegende Überlegungen
  • Gläserner Sarg – 2. Direkt zitierte Quellen

  • Der Paratext zum »Gläsernen Sarg« ist selbstverständlich George Orwells »1984«. Nichtsdestotrotz sind auch andere Texte als direkte Zitate in die Erzählung eingeflossen. In der mit “Carpe Noctem”1 begonnenen umfassenderen Dokumentation zu den einzelnen Geschichten an dieser Stelle die maßgeblichen Quelltexte und die wortwörtich im Text zitierten Stellen.

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    1. Die erste nach dem Magister geschriebene und veröffentlichte Geschichte, Mai 2007. []


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    Gläserner Sarg – 1. Inspiration und grundlegende Überlegungen

    Von Norman Liebold geschrieben am: 06.04.2008 unter Gläserner Sarg

  • Gläserner Sarg – 1. Inspiration und grundlegende Überlegungen
  • Gläserner Sarg – 2. Direkt zitierte Quellen

  • Es zeigt sich beim “Gläsernen Sarg” zum ersten Mal der Nutzen, bestimmte Erlebnisse und Ideen im LieBLOG festgehalten zu haben – ich kann erstmals genau sagen, wann ich die Idee zum “Gläsernen Sarg” hatte: Am 16.07.2007, als mir ziemlich genau das widerfuhr, was Bauer Rowedder in den ersten drei Kapiteln am Germscheider Steinbruch erlebt und was die Geschichte in Gang bringt.

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    Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik

    Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand

  • Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman
  • Dichterbrand – 2. Nomen est Omen
  • Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit
  • Dichterbrand – 4. Zitatewut
  • Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess
  • Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik

  • Das Spiel mit der intentio auctoris

    In der Neugermanistik wird nach wie vor eifrig diskutiert, ob es so etwas gebe wie die intentio auctoris, und insbesondere die neueren und insbesondere dekonstruktivistischen Ansätze klammern sie weitestgehend aus, bis dahin, den „Tod des Autors” zu konstatieren. Als Autor habe ich natürlich etwas dagegen, aus dem Textverständnis ausgeklammert zu werden, auch wenn ich diese Ansätze durchaus interessant finde, insbesondere, soweit es die wissenschaftliche Interpretation von literarischen Texten geht. Trotzdem ich natürlich durchaus im „Dichterbrand” mit den Konzepten von intentio auctoris et operis spiele1, bin ich mir doch einigermaßen sicher, dass ich soetwas wie eine Intention hatte.

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    1. Beim letzten Absatz des Romans habe ich mich gekringelt vor Vergnügen deswegen. []


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    Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess

    Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand

  • Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman
  • Dichterbrand – 2. Nomen est Omen
  • Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit
  • Dichterbrand – 4. Zitatewut
  • Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess
  • Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik

  • Hier schrieb ich den Großteil meiner Magisterarbeit. Walter stellte mir diesen wunderschönen und abgelegenen Platz zur Verfügung, während über den Rest der Anlage das Gebrüll der Fußballweltmeisterschafts-Begeisterten rollte. Wenn Herr Wehner im neunten Kapitel Quirin den Wohnwagen überläßt, ist das eine ganz klare Reminiszenz daran.Hier schrieb ich den Großteil meiner Magisterarbeit. Walter stellte mir diesen wunderschönen und abgelegenen Platz zur Verfügung, während über den Rest der Anlage das Gebrüll der Fußballweltmeisterschafts-Begeisterten rollte. Wenn Herr Wehner im neunten Kapitel Quirin den Wohnwagen überläßt, ist das eine ganz klare Reminiszenz daran.
    Hier schrieb ich den Großteil meiner Magisterarbeit. Walter stellte mir diesen wunderschönen und abgelegenen Platz zur Verfügung, während über den Rest der Anlage das Gebrüll der Fußballweltmeisterschafts-Begeisterten rollte. Wenn Herr Wehner im neunten Kapitel Quirin den Wohnwagen überläßt, ist das eine ganz klare Reminiszenz daran.

    Am 19.09.2007 vermerkte ich in der Fußnote zur geraden abgeschlossenen Szene mit Gay Einzahn und Joy Blauauge: „Das Erscheinen des Rufmords schätze ich auf Mitte Oktober, Anfang November. [...] Das Romänchen dürfte etwas um die 80 Seiten haben [...]” (Zum Post springen >>>) Das waren zwei Wochen, nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte.

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    Dichterbrand – 4. Zitatewut

    Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand

  • Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman
  • Dichterbrand – 2. Nomen est Omen
  • Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit
  • Dichterbrand – 4. Zitatewut
  • Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess
  • Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik

  • Ich kann nicht leugnen, dass es mir Freude macht, diejenigen Assoziationen und aufgerufenen Paratexte, die ein von mir bearbeiteter Stoff berührt und im Leser möglicherweise wachruft, auch direkt in den Text mit einzubeziehen und mit dem Geflecht, das sich intertextuell daraus ergibt, auf selbstgefällig intellektuelle Art herumzuspielen :-D .

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    Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit

    Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand

  • Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman
  • Dichterbrand – 2. Nomen est Omen
  • Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit
  • Dichterbrand – 4. Zitatewut
  • Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess
  • Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik

  • Spätestens, seit der Generalanzeiger am 18. Januar 2008 über den seltsamen tintenfuchsenden Kauz im Siebengebirge berichtete [Artikel lesen >>>], der in einem Wohnwagen lebend einen Krimi schreibt, bei dem ein seltsamer tintenfuchsender Kauz im Siebengebirge, der in seinem Wohnwagen lebend Bücher schreibt, in die Luft fliegt,1 stellten sich wohl die letzten die Frage: Wie viel Autobiographie steckt da drinnen?

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    1. Ich widerstehe an dieser Stelle der Versuchung, diese Schachtelung in der Art zweier gegenüber liegender Spiegel ein paar Absätze lang zu wiederholen… []


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    Dichterbrand – 2. Nomen est Omen

    Von Norman Liebold geschrieben am: 10.02.2008 unter Dichterbrand

  • Dichterbrand – 1. Von der Idee zum Roman
  • Dichterbrand – 2. Nomen est Omen
  • Dichterbrand – 3. Dichtung und Wahrheit
  • Dichterbrand – 4. Zitatewut
  • Dichterbrand – 5. Ritzen und Spalten – der Schreibprozess
  • Dichterbrand – 6. Intentio auctoris – Wider die Dramatik

  • Nicht nur die Tatsache, dass im „Dichterbrand” etliche Personen vorkommen, deren Inspiration1 realen Zeitgenossen zu verdanken ist, stellt inhärent die Problematik der Namensgebung auf. Der „Dichterbrand” ist das, was gerne unter „Lokalkrimi” subsumiert wird. Was ich persönlich allerdings nachgerade für Schwachfug halte, denn letzthin braucht jede Geschichte, insbesondere solche mit „realistischem Anspruch”2, eine Verortung.

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    1. oder Seele, wenn man so möchte []
    2. im Sinne von Aristoteles verstanden []


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