Absurdistan | Norman Liebold - Buch, Bühne, Buchkunst | Sektion: Literatur

Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.

“Absurdistan” besteht aus fünf Einaktern mit witzig-nachdenklichen Pointen. Sie stellen gegenüber den komplexen und zuweilen arg im tiefen Schlamm wühlenden anderen Stücken aus meiner Feder einen auffälligen Gegenpart dar, und grenzen sich stark ab – zum einen durch ihre Kürze, zum anderen durch die Thematiken.

Tata! Tata! Tata!

Herbst 2003 wurde ich durch die Eltern meiner damaligen Lebensgefährtin zu einem “Theaterabend” eingeladen. Er fand in einer Kirche zu Köln statt und sollte “mundartlich” sein.
Die Kirche war gerammelt voll – bei nicht gerade niedrigem Eintrittspreis, und was sodann auf der Bühne sich abspielen sollte, erfüllte mich zuerst mit gelindem Erstaunen, dann mit purem Entsetzen.
Es wäre unfair, mich an dieser Stelle lang und breit darüber auszulassen, daß die schauspielerische Leistung in jeder nur erdenkbaren Weise miserabel war und noch nicht einmal “laienhaft” genannt werden konnte – das ganze wirkte wie eine schlecht einstudierte Karnevals-Sitzung und verpatzte Einsätze bis hin zu gänzlich vergessenem Text waren die geringsten Mängel.
Was mein Entsetzen schürte, waren vielmehr die Stücke oder vielmehr Sketsche selbst. Selbst wenn man sie sich unter der Bedingung vorstellte, daß die Pointen nicht versaut worden wären, waren sie schlichtweg zwischen banal und grottig anzusetzen, so daß was “lustig” sein sollte, zuweilen die Ausmaße physischen Schmerzes annahm. In der Hauptsache setzte der “Witz” auf Schlüpfrigkeiten, an und für sich ja nichts schlechtes, nur daß sie derart verkrampft waren, daß es einfach nur weh tat. Ich erinnere mich an ein “Stück”, in der ein Ehepaar in der Tat ein Bett im Möbelhaus kaufen will und in Zusammenhang mit dem (für diesen Zweck wahrscheinlich nur im Dunkeln benützten) Möbelstück wurden diverse Anspielungen gemacht, denen im Grunde nur noch das kölsche “Tata-tata-tata” fehlte. Ich kann mich auch noch an einen Priester und eine Nonne erinnern, welche sich ab und an berührten – sehr zur für mich unverständlichen Heiterkeit des Publikums. dazu muß man sich noch vorstellen, daß das ganze nicht wirklich in rheinischer oder kölscher Mundart vorgebracht wurde, sondern in Hochdeutsch, dem man in verkrampftester Weise gewisse Signalwörter aus dem Rheinischen unterschob, um den Begriff “Mundarttheater” irgendwie zu rechtfertigen

Das grauslichste aber war etwas ganz anderes. Die Mutter meiner Lebensgefährtin fand das ganze nicht nur höchst amüsant – was unignorierbar war durch ihr weithin schallendes Lachen, nach dem sich der halbe Saal umdrehte -, sondern eben diese Fanfare ertönte immer dann, wenn irgendeine Schlüpfrigkeit zum Besten gegeben wurde – je eindeutiger, um so lauter.
Auch dies ist an und für sich eher eine verzeihliche und liebenswerte Originalität, das aber in einen weiteren Kontext gestellt meine negativen Gefühle immens verstärkte: Eine anfängliche persönliche Abneigung gegen meine Liason mit ihrer Tochter war eines, das demonstrative Ablehnen meines Berufes als Schriftsteller ein anderes, die liebenswerten Empfehlungen, etwas “Vernünftiges” zu machen in Form von ausgeschnittenen Stellenanzeigen neben dem Frühstücksteller über mehrere Jahre hinweg ein drittes, ein viertes, hier relevantes aber folgendes. Der alles andere als Stille Vorwurf bei dem von ihr besuchten Stück “Pluto und Hyronimus” aus meiner Feder nämlich, es sei schlüpfrig. Was zur Folge hatte, daß sie – sehr zur Verletzung meiner Partnerin – sich vehement dagegen stemmt, nochmal etwas von diesem “Schmutzfink” anzuschauen.
Zugegeben, in “Pluto und Hyronimus” gibt es einige amüsante Schlüpfrigkeiten, allerdings halte ich diese zumindest für witzig und – man entschuldige die Arroganz – für geistreicher als verklemmte Ehepaare beim Bettenkauf oder Nonnen-Priester-Grabschereien.

Unter diesen Voraussetzungen nahm die Einladung zu diesem sehr erinnerlichen “Theater”-Abend einen definitiv performativen Charakter an. In dem Sinne, daß man so “richtig gute Theaterstücke” mache(n sollte).

Trotzreaktionen

Es ist defintiv wesentlich weniger schwierig, ein kurzes, witziges Stück zu produzieren als einen tiefgründigen Fünfakter. Und es ist ja auch nicht so, daß ich nicht ständig die albernsten Ideen habe (wer mich kennt, kennt mich zumindest einen recht großen Teil der Zeit als lachend, kichernd und die seltsamsten Assoziationen ausspukendes Kuriosum, das man beim Erzählen eines Witzes oder beim Schauen eines Filmes am besten anbindet und eine Sauerstoffmaske bereithält wegen Nichtaufhörenkönnen zu lachen.)
Es ist aber etwas anderes, daraus auch “Literatur” zu machen.
Wenn dieser kuriose Abend ein positiv zu nennendes Ergebnis hatte, so, daß ich mich traute, mir die bunte Knete aus dem Kopf zu holen und sie zuerst auf Papier und dann auf die Bühne zu werfen. Die “Absurdistan”-Stücke waren nicht nur, was Theater angeht, die erfolgreichsten Stücke, sondern das Bunte-Knete-Schmieren hat auch noch ausnehmend Spaß gemacht.
Und – interessanterweise – wurde die bunte Knete als für die Bühne ausnehmend tiefgründig genommen, was mich die Frage stellen läßt, wie denn wohl die anderen Stücke zu bezeichnen wären. Die Presse schrieb damals etwas von “Liebold stellt die Frage nach menschlicher Würde und dem Wert eines Menschen angesichts seines geistigen Verfalls, wie auch die nach menschlicher Macht und Hilflosigkeit gegenüber einem 90-jährigen an Alzheimer Erkrankten.” [Rhein-Sieg-Rundschau, 19.12.2003]


Altenheim

Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.

Die Geschichte ist schnell erzählt, was bei einem 15-Minüter klar ist: Ein alter Mann, an Alzheimer erkrankt, glaubt, er sei der Student, der am Vorabend seiner Examina in seiner Studentenbude lernt. Er hält den Zivi, der hereinkommt, um ihn zum Essen zu holen, für einen ungebetenen und zudem sehr aufdringlichen Besucher. Das Geschehen eskaliert, als noch die Schwester hinzukommt und ihm eine Beruhigungsspritze gibt, er glaubt sich Entführern ausgeliefert, schreit um Hilfe. Als er einen lichten Moment bekommt, begreift er, was geschehen ist, sieht sein Alter und erkennt das Altenheim. Er will nur seine Ruhe und wird ins Zimmer zurückgebracht – jetzt schon schwer unter dem Einfluß der Sedativa. Nach kurzer Frist schickt die Schwester den Zivi wieder hinein, der Alte hat alles wieder vergessen und läßt sich – betäubt – in der Art des senilen Trottels zum Essen führen.

Das Stück ist von einem Alptraum inspiriert, der mich gegen Ende meiner Zivildienstzeit im Pflegeheim nicht nur verfolgte, sondern mich in eine Angst vor dem Schlaf versetzte. Ich träumte, daß ein scheinbar durchgeknallter Fremder meines Alters hereinkäme, etwas von Essen und Spaziergängen faselt, bis ich plötzlich kapiere, daß ich verrückt bin, nicht in meinem Zimmer sitze, sondern an den Rollstuhl gefesselt im Altenheim und die letzten 60 Jahre vergessen habe. Der Traum war so intensiv, daß ich verängstigt war: Im Pflegeheim hatte ich solche Patienten, die, an Alzheimer erkrankt, sich in einer wesentlich früheren Zeit glaubten und ihre Umgebung dermaßen geschickt uminterpretierten, daß sie in ihre Realität paßte. Für eine Frau, die in ihrer Jugend im KZ gewesen war, wurde ich zum SS-Offizier oder zum “Doktor”, der sie für Experimente mißbrauchen wollte, für eine andere Frau war ich ihr Verlobter, der sie – da ich sie verständlicherweise nicht küssen wollte – zu verlassen drohte, weil er eine andere hatte… un dauch wenn es unter höchster Anstrengung gelang, diese Menschen einigermaßen wieder ins Jetzt zu holen, so war es doch vergebens – beim nächsten Mal war man wieder im KZ.

Das Stück legt seinen Schwerpunkt auf die Personen. Herr Altmanns in seiner Realitätsverschiebung nimmt dabei eher einen Archetypus ein. Sebastian hingegen steht zwischen Pflicht und Moral und ist in weiten Teilen schlichtweg hilflos der Unmöglichkeit der Situation ausgeliefert. Normale Verhaltensschemata funktionieren einfach nicht, vernünftige Argumente sind nicht anwendbar, und die Agressionen Altmanns ihm gegenüber, für den er nur ein aufdringlicher, möglicherweise verrückter Eindringling ist, überfordern ihn schlichtweg.
Die Schwester ist abgebrüht, wie viele in ihrem Job – und auch aus guten Grunde, eine Schutzmauer aus Kälte und Funktionalität ist vielleicht die einzige Weise, damit auf Dauer klar zu kommen.
Es entspinnt sich ein ähnlich verkorkstes menschliches Miteinander wie bei Jean Paule Sartes “Huis-clos” (Geschlossene Gesellschaft).

Ausführlich widmete ich mich dem Thema in der Novelle “Eckstein”.

Witzig?!

Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.

In der Tat, es ist dies ein ernstes Thema. Aber dem Stück entbehrt es darum nicht der Komik. Zugegebenerweise solcher Art, daß nach diversen Lachern dieselben prädistiniert sind, geruhsam im Halse stecken zu bleiben.
Die Komik entwickelt sich im ersten Teil des Einakters, wenn die Realitäten des Alten und des Zivis heftig aufeinanderprallen – und der Zuschauer noch nicht um die Bewandtnis weiß. Der Zivi ist ein aufdringlich fröhliches Individeum, das möglicherweise ziemlich verrückt ist, es platzt herein, faselt zusammenhangloses Zeug, und der Zuschauer – von der (übrigens geforderten) laut-fröhlichen Aufdringlichkeit abgestoßen – wendet seine Symphatie Altmanns zu und nimmt dessen ruhige und in sich logische Realität an.
Das Ganze kippt jedoch unvermittelt und krass, was komisch und absurd war, ergibt einen Sinn und plötzlich ist es gar nicht mehr witzig.


Götzendämmerung

Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.

Dieses Stück ist durchweg “witzig”, auch wenn es durchaus einige interessante Momente enthält. Pater Bartolomäus ist in eines seiner Schäfchen verliebt und begehrt es auch noch. Das Schäfchen (Esmaralda mit Namen, natürlich) ist da auch nicht ganz unschuldig dran, wenn es im Beichstuhl heiser flüstert: “Ich schäme mich, Hochwürden [...] Ihr seid in meinen Träumen, und in meinen Träumen, da seid Ihr in mir!” Auch ein Priester ist nur ein Mensch, und er fällt vor die Pietá nieder, um seine Verwirrungen zu beichten.
Allein, womit er nicht gerechnet hatte, war mit dem Zorn der Mutter Gottes. Der ist so heftig, daß die Statue zu leben erwacht und zu sprechen beginnt.
Der Mittelteil des Stückes ist ein Trialog zwischen Maria, Jesus und dem Priester: Maria erzählt, wie es wirklich gewesen ist, Jesus will davon nichts hören, er will im Glauben bleiben, Gottes Sohn zu sein, nicht der Bastard eines Tischler-Gesellen, und der Priester – zuerst natürlich seinen Glauben verteidigend – kippt und findet das ganze – sich dafür schämend – zum Ende hin vor allem amüsant.
Das Ende besteht darin, daß der Priester nicht mehr so blöde ist, der gegenseitigen Liebe zu Esmaralda entgegenzustehen.

Die grundsätzliche Idee davon habe ich Robert Christott zu verdanken. Er spielte zwischen 2000 und 2002 im Amator-Veritas-Ensemble, um seine Leidenschaft fürs Theater zu entdecken und schließlich Schauspielerei zu studieren. Er lud Vera und mich ein, beim Tag der offenen Tür hereinzuschauen, und hier sah ich ein kurzes Stück, indem Maria zum Leben erwachte und eine Zigarette rauchte.
Viel mehr geschah dabei nicht, aber es setzte einen Gedanken in Gang, der letztlich zu “Götzendämmerung” führte.
Wie hätte es wirklich sein können, setzt man voraus, daß Maria, Josef und Jesus einfach nur Menschen waren? Wie hat es zum Mythos kommen können? Und wie würden die Beteiligten das ganze nach 2000 Jahren Anbeterei heute sehen? Viel mehr ist zu dem Stück eigentlich nicht zu sagen, und wen es interessiert, kann es gerne hier auf der Seite lesen:

Götzendämmerung lesen! [PDF, 661KB]


Schützengraben

Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. SJZ Siegburg, Asurdistan-Zyklus.

Krieg ist so ziemlich das Idiotischste, was es gibt. Eigentlich dürfte jedes einigermaßen vernunftbegabte Wesen schon zu dem Schluß gekommen sein, aber leider Gottes gibt es immer noch genug Schwachmaten, die ihren Spaß daran zu haben scheinen.
Das einzig sinnvoll für den kleinen Idioten, der von irgendwem in irgendeine scheiß Uniform gestopft wird, um noch irgendwohin geschickt zu werden, ist letzthin, möglichst schnell zu verschwinden.
Folgerichtig handelt das Stück von einigermaßen intelligenten Leuten, die man meist verächtlich “Desserteure” nennt. Alle drei im Stück vorkommenden Personen sind Desserteure: die einfachen Soldaten Halef und Michael ebenso wie Oberst Hohenthal.
Die Namen “Halef” und “Michael” ebenso wie die Geschichten, die se erzählen und den Namen, den sie Gott geben, ordnet sie dem muslimischen und christlichem Kreise zu, und man darf durchaus das Ganze als eine mögliche kleine Begebenheit irgendwo im Wüstensturm sehen.

Das Stück spricht für sich. Abgesehen von einem: “Hey, wir sind doch alle Menschen!” ist dazu eigentlich nicht sehr viel mehr zu sagen.

“Schützengraben” lesen!


Attentat

Dieses Stück hat mir etliche böse Stimmen eingebracht. Es ist nicht pc, einen Attentäter in ein Flugzeug zu setzen, ihn eine Ansprache halten zu lassen, die ihn verständlich werden läßt.
Zum einen wird dieses Flugzeug nicht in den Twin-Towers landen, sondern im Kreiswehreratzamt Köln, zum anderen kotzt mich die verteufelung der Muslime im westlichen Kulturkreis wirklich an. Ich finde Attentäter scheiße, genauso wie einen Amerikaner, der auf irgendwelche Leute in Afghanistan schießt, weil sich dort möglicherweise Osama bin laden aufhielt und die Regierung diesen nur der Uno, nicht den USA auszuliefern sich bereit erklärten.
Wenn Israelis “Siedlungspolitik” mit Raketen betreiben und Städte bombardieren, in denen der Prozentsatz von “Terroristen” dem der Zivilbevölkerung zwangsläufig eins zu zehntausend gegenüberstehen dürfte, finde ch das genauso haarsträubend, wie wenn ein Bus in die Luft gesprengt wird mit Leuten, die grad zum Einkaufen fahren.
Das eigentlich Schlimme daran ist, daß ich mir gut vorstellen kann, wie jemand, dessen Familie während irgendeiner “Vergeltungsmaßnahme” beim Nachhausekommen nur noch ein paar Fetzen ist, austickt, wie ich (irgendwo) verstehe, daß ein explodierter Schulbus Raketen provoziert. Blöde ist das allemal.
Aber wenn im Spiegel etwas von “Mekka – Brutstätte des Terrorismus” geschrieben steht, platzt mir die Hutschnur. Als Mediävist kenne ich leider solche Sprüche schon. Damals hieß das nicht “Golfkrieg” sondern “Kreuzzug”, und es ging auch nur um Kohle, bzw. Öl.


Katzenneurosen

Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.
Amator Veritas Ensemble. Cinestar Leipzig 2004, Asurdistan-Zyklus.

“Realität” ist eine verflixte Sache. Es gibt unter denen, die “normal” genannt werden, eine Art “Konsenz”, die man “Wirklichkeit” zu nennen pflegt.
Die “Wirklichkeit” allerdings ist letztlich nicht viel mehr als der gemeinsame kleinste Nenner derjenigen, die “normal” sind – und “normal” ist per definitionem letztlich weniger das, was tatsächlich “wahr” ist, sondern das, worin sich die meisten einig sind.
Wären in der Welt die meisten verrückt und völlig Banane und einige wenige würden die “Wahrheit” sehen, so gelten diese wenigen definitiv als die Verrückten – und, das ist das Kuriose, das wäre sogar richtig so.
Das Stück spielt genau damit – diesmal zuungunsten des “normalen” Thomas. Chuan und Kitty sind die eigentlich Verrückten (oder die eigentlich Wissenden?), denn sie nehmen erst gar nicht an, daß die “Wirklichkeit” bindend ist: Kitty hält sich für eine Katze, Chuan für mal dieses, mal jenes, er ist da ganz offen.
Thomas wird durch die beiden in seiner Weltsicht irre, zum Ende stehen mehrere Möglichkeiten nebeneinander, und versucht auch, sie zu denken – allerdings, als er vom Dach springt, krallt ihn sich doch seine eigene Wirklichkeit, die leider in 40 Stockwerken besteht…
Wobei angesichts der Tatsache, daß Chuan Thomas anfangs vom Selbstmord abhält das Ergebnis für Thomas dasselbe ist, tot ist tot, hingegen für Chuan und Kitty zumindest eine heiße Liebesnacht herausspringt.

Trotzdem das Stück auf den ersten Blick sehr verspielt und albern daherkommt, steckt doch eine ganze Lebensphilosophie dahinter.
Die auslösende General-Inspiration zum Stück habe ich Thomas Leichhtfuß zu verdanken, der – mit nicht geringen kreativen und intellektuellen Gaben ausgestattet – leider irgendwann die Entscheidung traf, zur dunklen Seite der Macht zu wechseln und sich seinem Selbstmitleid mit derselben Hingabe zu widmen wie vordem Gitarrenspiel (womit er mich mehr als einmal verzauberte), Zeichnungen (die zuweilen in ihrer Eigenartigkeit meinen Neid erregten) und seinen Gedichten (die so anders als meine literarischen Verbrechen waren, daß ich sie nur lieben konnte).
Diese sensible und feine – und leider eben auch angreifbare und labile – Seele lief mir nach einer Vorstellung als Groupie nach, um im Laufe der Zeit zu einem lieben Freund zu werden. Ich verbrachte viele und schöne Stunden mit ihm, seinem Bruder und seinen Freunden, schöpfte hier Kraft und auch Ideen, und es gab zwei Szenen, die letztlich für die “Katzenneurosen” Pate standen.
Einmal, als ich – bekifft und betrunken – auspackte und eindringlich von meinen “mystischen Erlebnissen” erzählte – seine Empfänglichkeit vergessend un dhn damit auf einen “Trip” schickend, in der seine Realitätskonzeptionen Risse bekamen und er nicht mehr wußte, was er denken sollte. Ein Andernmal, als ich ihn (aufgrund eigener Erfahrungen) aus einem dumpfen Verzweiflungsloch mit Gewalt herauszerrte – mit dem Ergebnis, daß er förmlich überschnappte und sich um ein Haar den Hals bei einem gewagten Sprung über die Schlucht einer Häuserschlucht nicht geringer Tiefe brach.
Eine letzte Inspirations-Quelle dürfte mein eigener und einiger “Suizidversuch” gewesen sein. Das war während der Zivildienstzeit, als ich von Träumen verfolgt, von der Liebe enttäuscht und zudem sehr dramatisch aufgelegt war. Das ganze dauerte nicht lang, beim gewollten Sprunge vom Aachener Bürgeramt lief ich wie gegen eine Gummiwand, um lauthals über Situation und eigene Blödheit lachend am Rand des Daches zu liegen und das Leben plötzlich wieder einfach schön zu finden. (Man hatte auch einen atemberaubenden Ausblick von da!) *g* Trotz aller jugendlichen Neigungen zum Überdramatisieren siegte denn doch stets der Lacher bei mir.

Der Garten Eden

Dieses Stück ist nun wirklich ein reines Gedankenspiel und Klamauk. Kennen Sie Erich von Däniken? Und diverse Theorien, woraufhin das intelligente Leben auf der Erde durch dem Einfluß außerirdischer Intelligenzen erzeugt wurde?
Nehmen wir an, es wäre so, und die ETs hätten drei Affen genmanipuliert, um Menschen zu erzeugen. Nehmen wir an, sie setzten sie in einen Garten, indem zugleich die Bäume von Erkenntnis und Ewigen Lebens ständen, von denen zu essen sie zuerst sich selbst bewußt, dann “mächtig” machen würden. Nehmen wir an, einer (Jehova) erwacht zuerst, ist vom Baum der Erkenntnis, dann von dem des Ewigen Lebens, um – relativ – allmächtig zu werden. Nehmen wir an, er sieht die anderen beiden am Boden noch schlafend liegen…
Das Stück ist ein Stück um Macht und den Umgang mit ihr, und der erste Affe – Jehova – bangt um seinen Vorsprung und sucht ihn zu erhalten…
Der Rest ist Altes Testament.

Als die Schlange (einer der ETs) Jehova aufzieht und angesichts der Tatsache, daß Adam und Eva (aus eigenem Entschluß) den Fatzke verlassen hat, bemerkt: “Das könnte langweilig werden: Die Frucht vom Baum des Lebens läßt Dich nicht altern…”, spinnt Jehova aus, wie er sich die Zeit vertreiben und dafür rächen könnte, daß Eva sich für Adam, nicht für ihn entschieden hat: “Ich werde sie verfolgen, und Zwietracht unter ihnen sähen, ich werde, ha, ich werde aus brennenden Büschen zu Ihnen sprechen, sie als Feuersäule durch Wüsten jagen, ich werde sie in Kriege stürzen! Sie sollen mich fürchten und verehren!”
Die Schlange bemerkt: “Aber irgendwann wird auch das nicht mehr vergnüglich sein…”, woraufhin Jehova resigniert: “Dann, dann… Mit einem Seufzen. Schlag ich mich halt ans Kreuz.”


Resümé

Diese kleinen Stücke haben sowohl im Schreiben als auch im Aufführen viel Spaß gemacht. Leider sah sie die Mutter meiner Lebensgefährtin nicht und schrillte auch nicht ihr Lachen zugunsten meiner Selbstbestätigung übers Publikum. Und ihre Tochter entschloß sich zwei Tage nach der furiosesten Aufführung aller Stücke im Cinestar zu Leipzig, nach fünf Jahren ihrer eigenen Wege ohne mich zu gehen. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang, aber das werde ich wohl nie herausfinden.
Was uns zu dem Schlusse führt: Was übrig bleibt, ist Geschichte bzw. sind Geschichten, d.h. Literatur. Na, wenigstens was.


Sagen Sie etwas dazu!





Absurdistan