Die einzelnen Stücke, die Eingang in die “Dramen” gefunden haben, werden einzeln besprochen (Navibereich oben). An dieser Stelle nur dazu, warum gerae diese Stücke in einem Band zusammengefaßt wurden.
Die “Dramen” entstanden in dieser Zusammenstellung bei der Editierung des Nâhtegal-Zyklusses, und nicht zuletzt auch unter dem Gedanken der Vollständigkeit faßten wir alle dramatischen Texte zusammen, die im Kontext der Nâhtegal-Texte standen und zugleich nicht in einem engeren Zusammenhang mit einem der anderen Themen- oder Geschichtenkomplexe.
Im Gegensatz zu den anderen Nâhtegal-Büchern besteht daher kein roter Faden, der die Stücke untereinander direkt verbindet, wobei allerdings durch die Nâhtegal-Themen und Bilder natürlich Bezüge und Parallelen existieren.
Die Anordnung der Stücke ist rein chronologisch, das älteste Stück (Zirkeltänze) als erstes, das jüngste (Politicon) als letztes.
Die ersten drei Stücke – insbesondere Zirkeltänze und Narrenwahn – gehören eng zusammen. “Narrenwahn” nimmt das Drachen-Bild aus “Zirkeltänze”, um sich nocheinmal intensiv damit zu beschäftigen, und auch der “Wanderer” als Person verbindet diese beiden Stücke miteinander. In gewisser Weise ist “Narrenwahn” eine Persiflage von “Zirkeltänze”, die sich noch sehr ernst nehmen. Die beiden Stücke entstanden kurz nacheinander.
Bardentod ist in sich unabhängig, hängt jedoch – 1997 konzipiert und 1998 ausgeführt – sehr stark in der Bilderwelt, die “Narrenwahn” und “Zirkeltänze” aufbauen. Es ist dieselbe Bilderwelt, die maßgeblich in “Krähe und Nachtigall” ausführlich beschrieben und bedient wird und den “harten Kern” der Nâhtegal-Metaphoriken bilden.
Der Nâhtegal-Zyklus ist in drei wesentlichen Phasen entstanden. In Form von kleinen Märchen und Allegorien zwischen 1994 und 1997 entstanden die Wurzeln der Bilderwelt, um zwischen 1997 und 2000 überarbeitet, in Zusammenhang und in eine übergreifende Ordnung gebracht zu werden. Und in der “reifen Phase” zwischen 2000 und 2003, wo in einer Art “Nachlese” die reifen, den ganzen Bilderreigen implizierenden Texte entstanden.
Diese drei Stücke gehören in die zweite Phase, in der auch das “Alineske Märchenbuch” (jetzt “Krähe und Nachtigall”) entstand.
Die Parallelen zu den übrigen Texten des Nâhtegal-Zyklus sind unverkennbar, insbesondere der Kampf der zwei gegensätzlichen Lebensprinzipien Weltflüchter und Weltgenießer, wobei letzterer den ersteren angreift, ironisch kommentiert und aus seinem Elfenbeinturm reißen will. Das verbindet das Stück sowohl mit dem Duo Wanderer-Schatten in “Zirkeltänze” wie mit dem Paar Nyddrym-Toter Barde in “Bardentod”. Auch das Movens der Frauen-Flucht ist sich hier gleich.
Trotzdem ist “Pluto und Hyronimus” eigenständig und benutzt die Nâhtegal-Bilder sehr freizügig und spielerisch.
Während die alten Stücke mir heute etwas arg geschliffen und zum Teil “naiv” erscheinen, gehört “Pluto und Hyronimus” nach wie vor zu meinen Lieblingsstücken, und es wurde von allen – mit Ausnahme der neuen Stücke in “Absurdistan” – auch am häufigsten aufgeführt.
Eine schöne Erinnerung ist auch, daß das “Amator-Veritas-Ensemble” 2000 mit diesem Stück sein Debüt gab und es anläßlich seiner Auflösung 2004 auch ein letztes Mal dem Publikum gab.
Das Stück ist in vielfältiger Hinsicht etwas ganz und gar besonderes. Im Grunde genommen handelt es sich nicht eigentlich um einen dramatischen Text, sondern um eine Art bitterböse Abrechnung mit der Welt. Zugleich ist es das erste Stück, daß ich – wenngleich eigentlich nicht so vorgesehen – auf die Bühne brachte.
Zugleich markiert das Stück in meinem literarischen Schaffen in der Tat eine scharfe Grenze – ganz als hätte ich mit dem Totentanz etwas (endlich) zu Tode getanzt, um Neuem Raum zu geben.
Das Stück steht gemeinsam mit einer ganzen Reihe von Texten für eine Phase des Abschließens und Neubeginnens, wozu – in dieser Theaterstück-Sammlung auch der “Spiegelbruch” gehört.
Als Metapher für diesen markanten Schlußstrich wird der Totentanz in den Spättexten des Nâhtegal-Zyklus immer wieder benannt.
Wie der “Totentanz” mit der Person des Weltverächters dergestalt abrechnet, daß er ihn sich zu Tode tanzen läßt, so rechnet der “Spiegelbruch” mit dem Autor ab, der immer und immer wieder nur sich selbst bespiegelnd seine eigene, selbsterfundene Bilder-Welt wieder und wiederkäut.
Es ist ein kurzes Stück, in dem die Archetypen des Nâhtegal-Zyklus sich die Masken vom Gesicht reißen und ihren Schöpfer stellen.
Wie der “Totentanz” wird auch der “Spiegelbruch” in den Spätstücken Nâhtegals häufig als Metapher verwendet.
Von meinen älteren Stücken das – wie ich finde – definitiv ausgereifteste. Eingerahmt von einem Prolog Nâhtegals ist es kein Herumwühlen im “Erkenne Dich selbst”, sondern versucht sich in einer Reflexion der äußeren Welt, wenngleich – hier durchaus angemessen – in märchenhaften Bildern. Strenggenommen hat das Stück – sieht man vom Rahmen ab – die Nâhtegal-Sphäre bereits verlassen.
Es ist eine allegorische Auseinandersetzung mit den Ereignissen um den 11.September, und jetzt, viereinhalb Jahre und ein paar Ami-Kriege später, zeigt das Stück eine interessante Voraussicht der Ereignisse, die damals noch kaum abzusehen waren.
Trotzdem die Dramen-Sammlung nicht in einen größeren Kontext gesetzt ist und lediglich eine chronologische Zusammenstellung von Nâhtegal-Stücken darstellt, existieren doch über die fikive Erzähler-Figur Nâhtegal eine Vielzahl von Bezügen, die die Einheit rechtfertigen.