Der “Minnesänger-Komplex” ist nicht nur ein “Liebeskomplex in komplexen Aspekten”, er ist darüber hinaus vor allem eines, nämlich wirklich kurios. Es ist ein Wucher-Buch, das 2000 mit einem kleinen Bändchen von drei Geschichten begann, um 2003 auf eine Sammlung von 14 Texten unterschiedlichsten Genres anzuwachsen. Aber eines ist allen diesen Geschichten eigen: Sie drehen sich um die Liebe, und zwar um eine ganz spezielle Sorte davon. Den Minnesänger-Komplex eben.
Liebe im Sinne des Minnesänger-Komplexes ist ungemein dramatisch, pathetisch, verehrend, schwärmend und vor allem in eines verliebt: in das Gefühl in einem selbst. Es wird eine harmlose Person genommen, um aus ihr mit aller Kraft der Phantasie und des mystisch Aufladens eine Art Ikone zu schaffen, der man anbetend zu Füßen liegt. Die Ikonen-Vorlage weiß zumeist nicht, wie ihr geschieht, während sie mit gedrechselten Liebesbriefen in Eichendorff-Sprache ihre Wände tapezieren kann und mit irrwitzigen Geschenken ebenso eingedeckt wird wie mit äußerst seltsamen Verhaltensweisen.
Minnesänger-Komplexe können überaus langwierig sein, der Minnesänger hat ein großes Interesse daran, den Minnesänger-Komplex-Zustand zu erhalten. Also, kurzum, die Phase des Anbetens, der Jagd, denn diese beflügelt ihn, macht ihm ein gutes Gefühl.
Die “Werbung” wird um ihrer selbst willen ausgeübt. Wird das “Wild” irgendwann schwach und möchte sich, von wirklich wunderschönen Gesten, Geschenken, Gedichten becirct, diesem wunderbar romantischen Manne ergeben, geschieht etwas ganz interessantes: Der nämlich rennt weg oder bringt etwas wirklich, wirklich seltsames, daß ein Ergeben unmöglich wird.
Es kommt noch besser: Der erfahrene Minnesänger ist so geschickt, die “Werbung” so aufzubauen, daß ein Nachgeben von vornherein unmöglich gemacht wird. Er gefällt sich so sehr in der Position des unglücklichen aber um so ausdauernden Liebenden, daß er dies zum Topos macht. Natürlich ist es für den Minnesänger sehr praktisch, mehrere Angebete zu haben, was auch nicht unmoralisch ist, denn schließlich ist das Ganze ja mehr oder minder soetwas wie ein Spiel.
Der Minnesänger-Komplex hat seinen Namen nicht von ungefähr, er rekuriert auf den Hohen Minnesang des Hoch- und Spätmittelalters. Sehr, sehr zusammengefaßt findet man hier ganz ähnliche Topoi: Der Sänger wirbt um seine Angebetete, er will ihr Dienst tun, aber zugleich ist es nicht nur undenkbar in dieser Literaturgattung, daß er erhört wird, sondern im Grunde will er nicht erhört werden, denn das beendete sein Singen und Werben.
Im Hohen Minnesang war die Kunst, auf eine begrenzte Anzahl von Bilder, Topoi und Konstellationen zurückzugreifen, um diese neu zu kombinieren, im vorgegebenen Rahmen zu variieren und daraus kunstvolle Lyrik zu schaffen. Erst Walter von der Vogelweide brachte neue Elemente in diese Gattung, indem er nicht nur von unerfüllter, sich in dienst erschöpfender Liebe singt, sondern auch von liebe, von Erfüllung und eben gegenseitiger Zuneigung.
Der Minnesänger-Komplex ist jedoch alles andere als eine Übung in überkommenen Literaturformen. Weder ist er in mittelhochdeutsch geschrieben, noch bedient er die im Mittelalter gängigen Topoi. Und vor allem ist er in höchstem Maße ironisch und übertreibt Pathos und “schöne Sprache” bis genau zu dem Punkt, wo es beginnt, komisch zu werden. Nichtdestotrotz mag ich nach wie vor die Texte und lese sie immer wieder gerne. Ihre Sprache ist schön, ihr Pathos ist herzerweichend und herzerweichend komisch, und meine Figürchen – an allererste Stelle der liebgewordene, so ungemein pathetisch-weltschmerzschlürfende Wolf sind mir ans Herz gewachsen. Und abgesehen davon ist die Sammlung voller Erinnerungen, denn nicht eine Geschichte ist darunter, die nicht an eine Verehrte gerichtet gewesen wäre
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Der Minnesänger-Komplex besteht aus insgesamt 14 einzelnen Texten, die zwischen 1997 und 2000 entstanden sind. Auf die Hintergründe der einzelnen Geschichten will ich seperat eingehen, und hier nur die Entstehung des gesamten Buches transparent machen.
2000 erschien die erste Version der Geschichtensammlung. Sie enthielt die Geschichten Rose und Wanderer(1997), Fisch und Schwalbe(1998) und Mond und Wolf (1999) in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind. Für das Buch, das dreimal und in drei verschiedenen Formen erschien, fertigte ich 2000 einen Illustrations-Zyklus von 10 Zeichnungen an, und im selben Jahr wurde “Mond und Wolf” von Ulrike Deppe, Dieter Bade und Robert Christott vertont und aufgenommen. Das Heftchen hatte – da die Minnesänger-Stücke sehr kompakt sind – nur wenige Seiten, und sie waren mit den Illustrationen gespickt, in der Ausgabe von 2001 war jede einzelne Seite mit einem Rahmen umgeben (Nächstes Bild unten). 2003 ging es darum, ein Buch im Sinne einer Anthologie zusammen zu stellen – der heutige Minnesänger-Komplex. In der Zwischenzeit waren weitere Stücke ganz in diesem Sinne entstanden, so “Perle und Perlenfischer”. Auch einige von den älteren Texten drehten sich um das selbe Thema, so daß alle Texte, die das Thema berühren, zusammengefaßt wurden. Die Illustrationen wurden jedoch nicht mehr hineingenommen, da sie zwar für die ursprünglichen 3 Geschichten sehr dicht gesäht waren, bei den späteren Geschichten jedoch nur wenig oder zum Teil gar nicht.
Im Moment [08.09.2009] ist der Geschichtenband fast ausverkauft, und eine neue Auflage steht ins Haus. Zu dieser Gelegenheit wird die Gestaltung noch einmal in Angriff genommen, und es kommen einige schöne neue Graphiken mit hinzu. Die Geschichten selber bleiben natürlich wie der gesamte “Nâhtegal-Zyklus” ist das Buch abgeschlossen.
Wie bei den anderen Büchern den “Nâhtegal-Zyklus” sind auch die Geschichten des Minnesänger-Komplexes von Nâhtegal erzählt. Die einzelnen Texte sind voneinander unabhängig, sie können für sich stehen. Sie weisen allerdings vielfältige Bezüge zu den Topoi und Geschichten meiner Figur Nâhtegal auf, und die kurz angerissene Rahmenhandlung, die den “Minnesänger-Komplex” umrankt, weist ihn als Nâhtegals “Spielmannsbuch” aus, worin er sein Repertoire festhielt.
Jede Geschichte des Minnesänger-Komplexes befaßt sich mit einem speziellen “Problem” der sinnlos pathosaufgeladenen Schwärmer-”Liebe”. Es gibt das Mond-Problem, das Rosen-Problem, das Meer-, das Fisch- und das Katzen-Problem. Um das Elfen-Problem dreht sich die Prophezeiung, und das Perlen-Problem ist eng verwandt mit ihm.